Generation Beziehungsunfähig

11 Oktober 2016 /
Gelangweilt sitze ich in meiner Vorlesung. Unsere Dozentin hat die große Gabe unser Skript auf die langweiligste Art und Weise runterzulesen. Und auch wenn ich mir größte Mühe gebe zuzuhören, weiß ich jetzt schon, dass das heute nichts mehr wird. "Nicht weiter schlimm", denke ich, "steht ja eh alles Wort für Wort im Skript." Also beende ich meinen inneren Kampf und greife doch zum Smartphone. Mein Datenvolumen ist mal wieder gedrosselt. Leben ohne WLAN ist schwerer als man denkt. Meine Wahl fällt auf Jodel, das verbraucht wenigstens nicht so viel des wertvollen Datenvolumens.

Und während ich mich durch die anonymen Posts von Studenten aus Köln, Brühl und Umgebung scrolle, fällt es mir mal wieder auf. Die Jodel, die sich um Freundschaft+, One Night Stands und Sexdates drehen häufen sich. Eine Jodlerin merkt gar an: "Was ist nur los mit unserer Generation. Wenn ich das hier so lese, sind wir alle beziehungsunfähig." Und während meine Dozentin die Kapitalwertmethode eingehend bespricht, mache ich mir Gedanken um uns. Sind wir wirklich alle beziehungsunfähig?


Es stimmt, das vorherrschende Thema in den Medien wenn es um Liebe und Beziehungen geht, sind lockere Formen. Ob offene Beziehungen, Freundschaft+ oder eine flüchtige Nacht zu zweit (oder Dritt), eine "normale" Beziehung spielt kaum noch eine Rolle außerhalb der Schweighöfer-Schweiger-Filmszene. Doch es gibt sie noch diese romantischen Beziehungen. Wenn ich meiner besten Freundin zuhöre wie sie über ihren Freund spricht oder wenn meine Kollegin von dem "K. fürs Leben" spricht, dann ist das echt und es ist real. Nur leider, und das ist der Punkt, ist es den Leuten nicht spannend. Die Leute wollen lieber von etwas lesen oder hören, was nicht alltäglich für sie ist. Vielleicht auch von etwas, das sie sich selbst nicht trauen würden. Zudem hat nicht jeder das Glück gleich seinem Traumprinzen oder seiner Prinzessin zu begegnen. Wie heißt es so schön:  
„Man muss viele Frösche küssen, bevor man einen Prinzen findet.“  
Und was wäre unfairer dem anderen gegenüber als wenn man weiß, dass es nicht lange halten wird und trotzdem eine Beziehung eingeht? Dann doch lieber gleich sagen, was Sache ist.

Natürlich ist die "Generation Beziehungsunfähig" kein reines Mediengespinnst. Vielen fehlt das Vertrauen in andere Personen oder sie haben Angst etwas zu verpassen, wenn sie eine feste Beziehung eingehen. Zudem sind sich viele Psychologen sicher, dass Scheidungskinder schwerer in eine feste Beziehung finden. Und sind wir nicht die Generation der Scheidungskinder? Ich bin selbst  ein Scheidungskind und trotzdem hat es bei mir zwischen Kennenlernen und Beziehung keinen Monat gebraucht. Bei keinem Thema kann man so schwer pauschalisieren, wie bei diesem.

Mir ist es letztlich egal, wer was für eine Art von Beziehung führt. Jeder soll das machen, was ihn glücklich macht, solang er andere damit nicht verletzt. Was mich viel mehr stört, ist das schnelle aufgeben.

Nach 65 Jahren Ehe wurde ein Paar befragt, wie sie es geschafft haben so lange zusammen zu bleiben. Die Frau dachte ein paar Sekunden nach und antwortete:
„Wir wurden in einer Zeit geboren, in der man kaputte Dinge reparierte, anstatt sie wegzuwerfen…“

Natürlich hat es keinen Sinn eine komplett zerstörte Beziehung aufrecht zu erhalten. Wenn das Vertrauen weg ist, lässt sich eine Beziehung schwer reparieren. Doch bei Kleinigkeiten sollte man nicht aufgeben. Ein tolles Beispiel dafür sind meiner Meinung nach Joana und Niklas, die ihre Krise überwunden haben und nun bald heiraten. Ich bin für mehr solche Geschichten. Denn eine "Generation Beziehungsunfähig", die gibt es - meiner Meinung nach - nur solange wir es zulassen.

Kommentare:

  1. Ich glaube auch, dass die Leute heute weniger an Dingen arbeiten und schneller aufgeben. Sie meinen, wenn sie an einer Beziehung arbeiten, anstatt sie zu beenden, verschwenden sie nur Zeit. Und um die nächste Ecke wartet eh schon eine bessere...
    Ich muss allerdings sagen, dass ich in meinem persönlichen Umfeld eigentlich recht viele Leute mit stabilen Beziehungen habe, die eine Krise auch mal aushalten.

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  2. Dankeschön für deine lieben und einfühlsamen Worte zu meinem letzten Post! All die tollen Reaktionen haben mich wirklich sehr gefreut und immerhin dahingehend war die Sache wohl für irgendwas gut. :)

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Liebe Grüße Anneke